Viele Menschen wissen nicht, dass es innerhalb der Akupunktur sehr unterschiedliche Schulen und Stile gibt. Chinesische und japanische Akupunktur klingen nach Varianten desselben Themas. In der Praxis unterscheiden sie sich jedoch deutlich, vor allem in der Art, wie diagnostiziert und behandelt wird, und darin, wie sich eine Behandlung für den Patienten anfühlt.
Zwei Traditionen, eine gemeinsame Wurzel
Beide Systeme gehen auf dieselben alten Texte der chinesischen Medizin zurück. Die Theorie, also Konzepte wie Qi, Meridiane oder die fünf Wandlungsphasen, ist in beiden Ansätzen präsent. Wer also denkt, japanische Akupunktur sei etwas grundlegend anderes, liegt nicht ganz richtig.
Der Unterschied liegt weniger in der Theorie als in der praktischen Ausführung.
Die Traditionelle Chinesische Akupunktur (TCM) wurde ab den 1950er Jahren in China staatlich standardisiert und systematisiert. Es entstand ein klar strukturiertes System mit einheitlicher Ausbildung, festgelegten Diagnosewegen und einem breiten Punkterepertoire.
Die japanische Akupunktur entwickelte sich auf einem anderen Weg. Über Jahrhunderte war Akupunktur in Japan ein traditioneller Blindenberuf. Das hatte weitreichende Folgen: Wer nicht sehen kann, muss ertasten. Das schärfte das Gespür für feine Körpersignale, für den Puls, für das Gewebe, für die Reaktion des Körpers auf kleinste Reize. Diese Kultur der Sensibilität prägt die japanische Akupunktur bis heute.
Wo sich die Wege trennen: Diagnose und Nadelung
Ein wichtiges Merkmal der japanischen Meridiantherapie ist die Diagnose über Puls und Bauch. Die Pulsdiagnose kennt man auch in der chinesischen Medizin, aber in der japanischen Tradition kommt die Bauchabtastung, auf Japanisch Hara, als zentrale Untersuchungsmethode hinzu. Der Therapeut ertastet dabei Spannungen, Empfindlichkeiten und Qualitäten im Bauchraum, die Hinweise auf den Zustand der Meridiane und der inneren Organe geben.
Diese Informationen fließen in die Behandlung ein, die sich am Nan-jing orientiert, einem der alten klassischen Texte der chinesischen Medizin. Auf dieser Grundlage entstand Anfang des 20. Jahrhunderts die japanische Meridiantherapie, auf Japanisch Keiraku Chiryo, durch eine Gruppe von Akupunkteuren um Sodo Okabe, Keiri Inoue und Sorei Yanagiya. Ihr Ziel war es, den alten Text auf seine klinische Anwendbarkeit zu prüfen und ein System zu entwickeln, das wirklich am Menschen orientiert ist.
Die Nadelung selbst unterscheidet sich ebenfalls. Japanische Akupunktur verwendet dünnere, qualitativ hochwertige Nadeln und eine besondere Technik, die die Behandlung für die meisten Menschen nahezu völlig schmerzlos macht.
Die Geschichte hinter der Schmerzfreiheit
Dass japanische Akupunktur so sanft ist, hat einen konkreten historischen Hintergrund. Im 17. Jahrhundert entwickelte der blinde japanische Akupunkteur Waichi Sugiyama das Führungsröhrchen. Dieses kleine Hilfsmittel ermöglicht es, Nadeln ohne spürbaren Einstich zu setzen. Sugiyama erfand es, weil er als Blinder einen anderen Weg brauchte, Nadeln präzise zu setzen. Die Folge war eine Technik, die sich durch besondere Feinheit und Sanftheit auszeichnet.
Diese Tradition setzt sich bis heute fort. Wer bei einem japanisch ausgebildeten Akupunkteur behandelt wird, erlebt oft eine andere Qualität des Kontakts: ruhiger, feiner, aufmerksamer auf die Reaktion des Körpers.
Ursachenbehandlung als Kern der japanischen Meridiantherapie
Ein zentrales Anliegen der japanischen Meridiantherapie ist die ursächliche Behandlung. Es geht nicht nur darum, ein Symptom zu lindern, sondern darum, die Ursache zu finden, die hinter diesem Symptom steckt. Das nennt sich in der Terminologie der Meridiantherapie die Wurzelbehandlung.
In der Praxis bedeutet das: Der Therapeut behandelt nicht einfach die Schulter, die schmerzt, oder den Rücken, der sich verspannt hat. Er fragt, warum dieser Körper an dieser Stelle auf diese Weise reagiert. Welcher Meridian ist geschwächt? Welche Muster zeigen Puls und Bauch? Was braucht der Körper, um wieder in Balance zu kommen?
Diese Herangehensweise kann dazu beitragen, nicht nur akute Beschwerden zu behandeln, sondern auch die allgemeine Vitalität zu unterstützen.
Was eine individuell abgestimmte Behandlung grundsätzlich ausmacht und wie Akupunkturpunkte überhaupt ausgewählt werden, erkläre ich [hier].
Für wen eignet sich welcher Stil?
In meiner Praxis werden beide Traditionen eingesetzt. Welcher Ansatz im Vordergrund steht, ergibt sich aus dem Befund und dem, was der Patient braucht.
Die japanische Meridiantherapie eignet sich besonders gut für Menschen, die empfindlich auf Nadeln reagieren oder bisher Berührungsängste mit Akupunktur hatten. Die nahezu schmerzfreie Technik macht die Behandlung auch für jene zugänglich, die bei dem Gedanken an Nadeln zögern.
Sie eignet sich ebenso für Menschen, die das Gefühl haben, dass bisherige Behandlungen nur an der Oberfläche geblieben sind, und die einen Ansatz suchen, der wirklich auf den Körper hört.
Haben Sie Fragen dazu, welcher Ansatz für Sie in Frage kommt? Im Erstgespräch schauen wir gemeinsam, was Ihr Körper braucht.

